Jahresbericht 2004

2004 war ein Jahr, in dem politisch vieles aus den Fugen geraten ist. Auch wenn so mancher Präsident behauptete, die Welt sicherer gemacht zu haben, verging kein Tag ohne Terror und Selbstmordattentate. Umweltkatastrophen blieben auch nicht aus und forderten zahlreiche unschuldige Opfer. Die schwache Konjunktur machte vielen zu schaffen und selbst der Sommer konnte sich nicht so recht entscheiden, um von all dem etwas abzulenken. Gerade in solchen Zeiten ist Kunst ein besonderes Ausdrucksmittel, um das Geschehene zu reflektieren und neue Denkanstöße und Perspektiven zu bieten. Für mich ist es wichtig als Christ, die Hoffnung nicht aufzugeben und die lichten Momente des Alltags nicht aus den Augen zu verlieren. So blicke ich voller Dankbarkeit auf ein Jahr zurück, in dem sich für mich viele neue internationale Projekte ergaben.

Die neuen Bücher
Das trübe Frühjahr bot ideale Bedingungen, den Schwerpunkt auf die Gestaltung meiner zwei neuen Bücher „Indisches Tagebuch“ und „Meerlandschaft Ostfriesland“ zu setzen, die von meinem Usedomer Galeristen auf der ART-Karlsruhe und bei den Ausstellungen der NORD/LB in Hannover und Braunschweig, sowie im Kunstverein Rotenburg/Wümme vorgestellt wurden.

Das große Format
Ein Bild muss nicht zwangsläufig groß sein, um seine malerische Qualität unter Beweis zu stellen. Das zeigt uns die Kunstgeschichte. Bei der „Küchenmagd“ Vermeers z. B. treffen wir auf Malerei in höchster Vollendung, obwohl das Gemälde gerade mal 45 x 41cm misst. Für seine intimen, sinnlichen Interieurs und Figurenbilder wäre ein großes Format eher ungeeignet. Dennoch gibt es Themen, die geradezu geschaffen sind für große Formate, wie z.B. Historienbilder oder Landschaften. Ich finde es wichtig, dass Thema und Format eine Einheit bilden.
Dieses Jahr habe ich meinen Schwerpunkt auf das grosse Format gesetzt. Spannend war, dass sich dabei die Malerei automatisch veränderte. Um beim großen Format eine vergleichbare Wirkung zu erzielen, wie beim kleinen, musste ich z.B. den Farbduktus entsprechend großzügiger, d.h. noch pastoser, ausfallen lassen. Auch gab es Veränderungen in der Komposition. Während ich mich früher auf Details konzentrierte, versuchte ich nun, einen grösseren Ausschnitt zu wählen, indem ich einen Platz beispielsweise im Ganzen komponierte und die Formen und Farben noch strenger zusammenfasste.
Im Mai sollte ich mit sechs Metern mein bislang größtes Bild malen, ein Hannover-Panorama vom NORD/LB - Gebäude auf die Stadt.

Irland
Ich mag es ja gerne etwas kühl und stürmisch! Wenn mir der Wind um die Ohren pfeift und ich nach einem Maltag durchgefroren im warmen Zuhause heiß duschen kann, mit dem Wissen, den Naturgewalten wieder mal getrotzt zu haben, gibt mir das ein Glücksgefühl. Ich finde es schön, mit der Natur im Zwiegespräch zu stehen, ihre Kraft zu spüren und nicht selten zu staunen über ihre Ungemütlichkeit und Schönheit zugleich und oft auch über die versteckte Romantik. Das Durchhalten

wird in den meisten Fällen belohnt. Ein kurzer Lichtstrahl, der wie ein Spot die Küste oder das Wasser beleuchtet, die Wolken, die den Gipfel der Berge kurz verlassen, um sie wenig später wieder zu verhüllen, die abziehende Gewitterfront, die sich scharf absetzt gegen das sonnen-durchflutete, weiß leuchtende Wasser. Beeindruckend auch die saftig grünen Wiesen, die salzige Luft, die Seevögel.
Dass ich diese raue Natur in Irland finden würde, war mir bewusst. Mein Herz schlug höher, als meine Freundin und ich der Einladung eines Kunsthändlers nach Sligo folgten, um die Schönheiten dieses Landes künstlerisch umzusetzen. Während ich unterwegs war zum Malen, konnte sie sich den Arbeiten ihres Studiums widmen. Von der zur Wohnung umgebauten Kirche, in der wir untergebracht waren, unternahm ich Tagesausflüge ans Meer, ins hügelige Binnenland, sowie zu nahe gelegenen Städten. Die kühlen Temperaturen, der Sturm, die täglichen Schauer, aber auch das starke Licht und das intensive Gelb des Ginsters erfüllten meine Erwartungen bei weitem. Es beeindruckten mich vor allem die Gegensätze von tosendem Gewittersturm und paradiesischer Ruhe mit wärmender Frühlingssonne, die sich innerhalb weniger Stunden einstellen können.
Das raue Klima färbt jedoch leider auch auf einige Menschen ab. So forderte mich eine alte Frau sehr forsch auf, das Malen ihres Cottage unverzüglich zu unterlassen, sonst würden rechtliche Schritte folgen - eine neue, ernüchternde Erfahrung und, wie ich gehört habe, kein Einzelfall. Dennoch lasse ich mich von solchen Begegnungen nicht abhalten, bei der nächsten Gelegenheit weitere Cottages zu malen.

Neue Perspektiven
Dass mich meine Freundin in vielen beruflichen Dingen unterstützt und bestärkt, zeigte sich bereits auf den zahlreichen Reisen, auf denen sie mich begleitete. Ihre kunsthistorische Kompetenz, sowie ihre kommunikativen Fähigkeiten und Sprachkenntnisse ergänzten in kreativer Weise meine künstlerischen Unternehmungen. In Zukunft wollen wir diese Zusammenarbeit noch intensivieren und ausbauen.


Amsterdam
Amsterdam - ein lebendiger Ort, geprägt vom Backsteinton der Giebelhäuser, durchzogen von unzähligen Grachten mit schmalen Gassen und großzügigen Plätzen - zweifellos das Venedig des Nordens. Inspirierend auch die Atmosphäre, das Licht, die anregenden Gespräche über Kunst, sowie das Gefühl, an einem Ort zu sein, der geprägt ist von großartigen Künstlern - Vermeer, Rembrandt, Franz Hals und nicht zuletzt Van Gogh. Über diese Stadt hatte ich bereits viel gelesen, aber sie nun zu erleben und auf Einladung meines Amsterdamer Galeristen künstlerisch umzusetzen, stellte für mich eine große Herausforderung dar.
Die Offenheit der Holländer lernte ich bereits am Tag meiner Ankunft kennen, als ich gegen Abend eine der Grachten malte. Während dessen ertönten aus der gegenüberliegenden Kneipe die grölenden Gesänge einiger alkoholisierter Fußballfans. Nachdem der Wirt die nunmehr auf seinen Tischen tanzende Gesellschaft an die frische Luft beförderte, grölten sie noch eine Weile weiter, bis sie mich entdeckten. Die Gesänge verstummten und einer nach dem andern kam auf meine Straßenseite herüber und meinte: „Oh, very nice!“ Manchmal hat Kunst auch etwas Pädagogisches!

Kalifornien

Vom kalifornischen Licht habe ich bisher nur gehört. Vor allem meine Freundin, die dort letztes Jahr Urlaub gemacht hatte, schwärmte mir von der Schönheit, dem „provenzialischen Licht“ und den offenen Kaliforniern vor. So freute ich mich umso mehr, als meine Galeristin aus San Francisco meine Freundin und mich für dieses Jahr im September in ihr Haus nach Belvedere einlud, um die Stadt und ihr schönes Umland zu malen. Die entstandenen Exponate sollten zum Ende unseres Aufenthaltes im Deutschen Konsulat präsentiert werden.
Vom ersten Tag an hatte ich die Gewissheit, dass das kalifornische Licht seine Besonderheiten hat. Die Schatten sind sehr scharf und fast schwarz, das Blau des Himmels von einer Tiefe, wie wir es in Deutschland nur an wenigen Tagen im Jahr erleben dürfen. Diese Kontinuität des Lichts hatte für mich allerdings auch Vorteile - ich konnte entspannt malen und musste mir keine Sorgen machen, dass am nächsten Tag die Lichtverhältnisse anders sein könnten. Außerdem waren alle gut gelaunt und ich begriff, dass ich im „Sunshinestate“ gelandet bin. Da kann man sich auch vorstellen, dass so mancher Amerikaner bei diesem Ambiente das Weltgeschehen vergisst! Das schicke Grau Deutschlands konnte jedenfalls kurzzeitig ad acta gelegt werden und ich musste meine Palette nicht nur aufhellen, sondern auch mit leuchtenderen Farben versehen.
Meine Erfahrungen mit den Kaliforniern waren größtenteils positiv. Als ich auf der Straße malend gesehen wurde, riefen sie mir schon von weitem Komplimente zu, selbst wenn sie das Bild noch nicht gesehen hatten. „Oh, that´s phantastic!“ - bloß, weil sie es toll fanden, dass jemand malt. Das Resultat fand dann meistens auch Anklang: „Von der Entfernung sieht es wie ein Foto aus, nur von der Nähe eher wie ein Picasso!“ Die langen steilen Straßenschluchten mit phantastischen Ausblicken auf die Bay oder die Golden Gate Bridge werde ich ebensowenig vergessen, wie die herrlichen Aussichtsberge, das Weinanbaugebiet Nappa Valley, die Fahrten auf dem Highway No 1 entlang des Pazifiks, der von einer unbändigenden Kraft zu sein scheint, oder den wohl schönsten hochgelegenen See Kaliforniens, den Lake Tahoe. Noch nie habe ich solch ein tiefes Blau gesehen!
Auf jeden Fall mangelte es während der vier Wochen nicht an Motiven und die Ausstellung im Deutschen Konsulat, mein Debüt in Amerika, war ein voller Erfolg.
Ein heißer Herbst
Es war nicht nur der Sommer, der sich mit höchst angenehmen Temperaturen zurückgemeldet hat und auch die letzten Nörgler verstummen ließ, sondern gerade der nunmehr internationale Ausstellungsmarathon, welcher mir noch bevorstand. Zum einen wurde mir mitgeteilt, daß ich mich unter den 10 Finalisten des Europäischen Kunstpreises von insgesamt 4000 Bewerbern aus 32 Ländern befände und zur Preisverleihung ins Triennale Museum nach Mailand eingeladen sei. Darüber war ich höchst erfreut, wenngleich der Preis selbst an eine Italienerin ging. Aber in einem der bedeutendsten Museen Italiens für zeitgenössische Kunst ausstellen zu dürfen, war für mich wie ein Sieg.

Einen Tag später fand die Eröffnung der Ausstellung in Pontadelgada auf den Azoren statt, für die ich letztes Jahr die Insel Sao Miguel malte. Anschließend folgten Berlin, Hamburg, Utrecht und Karlsruhe, so dass langsam ein wenig Urlaub fällig wurde, um über das Erlebte einmal ohne Malen zu reflektieren. Der Toskanaurlaub mit meiner Freundin eröffnete mir dabei ganz neue Perspektiven: Ich kann auch mal ohne schlechtes Gewissen nicht malen, einfach nur dasitzen und das Dasein genießen, ein Buch lesen, Kirchen anschauen!!! Die daraus resultierende Kraft verhilft zu einer Kreativität ungeahnten Ausmaßes. Diese Ruhepunkte bewahren einen vor dem Ausbrennen! Angeregt durch ein Gespräch mit Professor Romain denke ich, dass es an der Zeit ist, eine Auszeit zu nehmen, um all das Erlebte zu sortieren, zu hinterfragen und mit neuen Ideen zu starten.



Vielleicht lässt sich dieser Wunsch bereits im nächsten Jahr realisieren!


Weihnachten 2004



Bilder:
Bild 1: Sonniger Ludwigsplatz (Karlsruhe), 2004, öl/L. 60 x 90 cm

Bild 2: Licht und Schatten (Irland), 2004, öl/L. 25 x 40 cm

Bild 3: Entlang der Grachten (Amsterdam), 2004, öl/L. 65 x 50 cm

Bild 4: Sutterstreet (San Francisco), 2004, öl/L. 70 x 70 cm

Bild 5: Licht und Wasser (Norderney), 2004, öl/L. 100 x 100 cm

Bild 6: Gewitterstimmung am Dom (Schwerin), 2004, öl/L. 120 x 60 cm